Unterwegs im Himalaya Teil 2

Dhaulagri @ SunriseTag 3: Sonnenaufgang über einem 8000er

Schon seit 04.00 Uhr höre ich die Chinesen im Haus herumstapfen, sich die größte Mühe gebend, dass sie nicht zu leise sind und sehe die Lichter ihrer Stirnlampen im Flur vor meiner Zimmertür herumgeistern. Hier im ersten Stock unseres Gasthauses gibt es nämlich keinen Strom. Ich krieche also auch langsam aus meinen 5 Schichten Schlafgarnitur und ziehe mich an.

Um 04.45 Uhr starten wir im Stockdunkeln – und weder Khel noch ich haben im Gegensatz zu allen anderen Menschen eine Taschenlampe. Die ersten Meter gehen wir also im erbärmlichen Display-Licht seines Neunziger-Jahre-Handys aber dann stoßen von allen möglichen Ecken Menschen mit Stirnlampen auf den Weg, die uns den Aufstieg erleichtern. Nach etwa 40 Minuten haben wir den Gipfel des Poonhill auf 3260 m ( Ein Hill ist hier übrigens alles unter 5000 m) erreicht, der als Sunrise-Point sehr beliebt ist. Hier oben ist tatsächlich der Schnee von gestern liegen geblieben und es windet schrecklich. Aber ich harre tapfer mit etwa 200 anderen frierenden Touristen aus, bis die Sonne sich über den Horizont schiebt und zumindest einige der Berggipfel kurze Zeit in rotes Licht taucht. Leider ist es immernoch etwas bewölkt, so dass das Schnee im Aprilganz große Spektakel ausbleibt. Annapurna One und Annapurna South bleiben im Schatten, während die westliche Bergkette rund um den Dhaulagri ( der immerhin auch knapp an den 8000 m kratzt) sehr schön sichtbar wird.

Dann gibts erstmal zwei Pfannkuchen und einen heißen Tee und ich bleibe noch eine halbe Stunde mit meinen neuen chinesischen Freunden vor dem Ofen im Gasthaus sitzen bevor mich Khel gegen acht nötigt, doch endlich aufzubrechen. Er hat’s irgendwie immer eilig während ich nicht so Lust habe, wieder um 13 Uhr irgendwo in der Lodge rumzusitzen. Heute soll es bis auf 2500 m nach unten gehen und dementsprechend doof schaue ich, als wir erstmal ins Dorf absteigen und dann auf einen “Hill” genau gegenüber dem Poonhill wieder auf 3300 m hochkraxeln. Hier liegt auch noch Schnee und alles ist matschig aber zum Glück ist es beim Abstieg auf der Sonnenseite etwas angenehmer.

Ab jetzt geht es erstmal eine ganze Weile bergab, wir steigen etwa eine Stunde durch eine tiefe Schlucht mit moosbehangenen Steilhängen hinab; in der Mitte rauscht ein Fluss und ich muss ständig irgendwas fotogenes ablichten. Hier lerne ich auch zwei Mädels aus Heidelberg kennen, mit denen ich eine Weile zusammen laufe. Die YakWelt ist klein. Die beiden laufen heute durch bis nach Ghandruk, was laut Khel erst morgen unsere Station sein soll, da sie morgen schon zurück nach Pokhara müssen. Nachdem ich mal auf die Karte geschaut habe, überzeuge ich meinen Guide, dass wir unsere Tour heute auch bis dorthin ausweiten und dafür morgen noch eine kleine Verlängerung anhängen. Heute geht es wirklich zum Großteil durch Wildnis und spektakuläre Berghänge wechseln sich mit Rhododendronwäldern, tiefen Schluchten und immer wieder fiesen Foltertreppen durch unwegsames Gelände ab. Letztendlich muss ich aber zugeben, dass es doch insgesamt mehr bergab als bergauf geht.

Gegen Mittag kommen wir in Tadapani an, wo wir eigentlich übernachten wollten, und machen Mittagspause. Es gibt ein köstliches Dhal Bat und meine Lebensgeister kommen nach dem letzten fiesen Aufstieg ins Dorf auch langsam wieder. Ich bin froh, dass wir nicht hier bleiben, denn Tadapani besteht wirklich nur aus etwa 20 Häusern und es ist gerade mal 13 Uhr nachdem wir gegessen haben. Khel räumt ein, dass er bei der Planung der Tour wohl meine Fitness unterschätzt hat ( Frechheit!) und wir es locker noch nach Ghandruk schaffen. Allerdings sieht es ein bisschen nach Regen aus sodass wir wieder flott aufbrechen. Und Kleines Mädchen in einer Siedlung am Wegesrandtatsächlich beginnt es etwa 10 Minuten darauf zu regnen, was allerdings nicht so wild ist, da wir wieder große Teile im “Märchenwald” unterwegs sind und dort halbwegs vor der Nässe geschützt sind. Zwischendurch kommt ein Gasthaus, wo wir uns mal kurz unterstellen und warten bis der Regen etwas weniger wird aber ansonsten ziehen wir die von Khel mit 2:30 h angesetzte Strecke in ganzen 1:45 h durch. Na wenn da mal nicht jemand meine Fitness ganz massiv unterschätzt hat 😉 Allerdings muss ich zugeben, es geht auch zum großen Teil bergab oder flach durch den Wald. Das ist dafür auf den schlüpfrigen Steinstufen und Matschhängen auch kein großer Spaß und ich freue mich, als Ghandruk (1940 m) ins Blickfeld rückt.

Ghandruk ist eine richtige Stadt mit mehr als 1000 Häusern, hier lebt die Volksgruppe der Gurung und es gibt sogar ein kleines Kulturmuseum. Da morgen das Nepalesische Neujahr ist (übrigens das Jahr 2071…wie es zu dieser Rechnung kam, muss ich noch herausfinden, Khel kann mir nicht erklären, warum die Nepalesen 60 Jahre vor uns leben), sind leider viele Gasthäuser mit Nepalesischen Reisegruppen ausgebucht. Die Einwohner Pokharas feiern gerne hier oben in den Bergen ins neue Jahr, und so fallen Impressionen von Tag 3sie heute in ganzen Busladungen hier ein. Letztlich ziehen wir ins Mountain View Hotel.

Man merkt direkt, dass wir in einer Stadt sind, denn die Hotels hier haben nichts mehr von dem Charme der kleinen Himalaya-Gasthäuser im oberen Teil des Treks, dafür aber auf Grund der Anbindung an das Straßennetz, auch mehr Komfort. Es gibt Licht in meinem ( etwa doppelt so groß wie gewohnten) Zimmer und sogar eine funktionierende Steckdose für meinen Kamera-Akku und theoretisch auch WiFi, dem ich aber tapfer widerstehe. Im letzten Gasthaus gab es genau eine Steckdose im Gastraum, um die sich alle Gäste stritten und das Laden jeglicher Geräte kostete 300 Rupien- so viel wie ein Doppelzimmer. Ich mache mich schnell frisch und gehe dann mit Khel in das kleine Gurung-Culture-Museum, wo man ein paar Gebrauchsgegenstände aus dem traditionellen Leben der Gurung sehen kann und etwas dazu lesen kann. Es ist nur ein Raum aber sehr nett gemacht. Überhaupt ist der Ort sehr schön über einen Berghang verteilt gelegen, allerdings fängt es als ich das Museum verlasse richtig an zu regnen und so fällt der Stadtrundgang erstmal ins Wasser. Und da es wieder sehr kalt ist und ich auch etwas geschafft von unseremTag bin, Impressionen von Tag 3verziehe ich mich schon gegen Acht ins Bett.

Tag 4: Happy NewYear

Heute beginnt das nepalesische Jahr 2071, aber davon bekomme ich kaum etwas mit, ausser das man sich morgens statt Guten Morgen ein Happy New Year wünscht, ist eigentlich alles wie sonst. Auch in der Nacht war es relativ ruhig, morgens um fünf wird allerdings vom kleinen Kloster der Stadt ein nepalesisches Lied in Dauerschleife so laut abgespielt, dass es im ganzen Ort zu hören ist. Ob das nur zu Neujahr so ist oder der tägliche Weckruf kann mir Khel wie so oft nicht genau beantworten, er sagt irgendwas wie ” Yes yes for Happy New Year. Every Morning but today also for Happy New Year” Achso ja.

Wir brechen nach einem wirklich schönen Sonnenaufgang über dem Annapurna South, den ich wieder von meinem Fenster bewundern kann, gegen 07.00 Uhr auf. Zum ersten Mal ist es morgens wirklich so klar, dass man eine ganze Bergkette sehen kann.Wir steigen von Ghandruk so tief ins Tal hinab, dass ich von oben nicht mal sehen kann, wo das Tal ist, allerdings habe ich die ganze Zeit Landruk vor Augen, einen kleinen Ort, fast auf gleicher Höhe wie Ghandruk, nur Impressionen von Tag 3auf der anderen Seite des Tales. Da muss ich dann also alles wieder hoch, wie demotivierend. Und das, wo ich heute zum ersten Mal etwas Muskelkater vom Treppenabsteigen gestern habe. Ich gebe eine grobe Schätzung (2000) ab, als ich am Fuße der Treppe nach Landruk stehe und tatsächlich liege ich fast ganz richtig. Es sind am Ende (wie immer ohne Gewähr) 2079 Stufen bis in den Ortskern von Landruk.

Hier in den Gurung-Dörfern ist die Architektur ganz anders als in den restlichen Dörfern, die ich besucht habe. Die Häuser haben alle ein Vordach aus Holz, das auf Balken steht und eine Art Veranda bildet, die komplett um das Haus herumläuft. Darunter wird dann das Holz gestapelt, Blumen gezogen, Kinderwiegen aufgehängt, in Lehmöfen gekocht und Sitzplätze eingerichtet. Die Dächer dagegen sind größtenteils mit groben Steinplatten statt wie sonst mit Stroh oder Wellblech gedeckt. Insgesamt sind die Orte dadurch viel hübscher als im Süden oder rund um Pokhara und Kathmandu, finde ich.

Von Landruk aus geht es dafür jetzt wie von Khel versprochen, mehr oder weniger flach etwa 4 Stunden am Berg entlang, teils auf einer Dirt Road, teils auf kleinen Fußpfaden, aber immer mit tollem Blick ins Tal.Zum ersten Impressionen von Tag 3Mal seit Freitag ist auch wieder T-Shirt-Wetter und während in Richtung Ghandruk eine große Regenfront zieht, laufen wir die ganze Zeit im schönsten Sonnenschein. Irgendwann gegen elf machen wir eine Stunde Mittagspause, heute ausnahmsweise mal ganz entspannt, da es nun wirklich nicht nach Regen aussieht, und erreichen gegen 14.30 Uhr unseren heutigen Zielort Pothana (1900 m). Pothana liegt an der viel frequentierten Mardi Himal Route, ist aber winzig klein und besteht aus nur etwa 20 Häusern von denen fünf Gasthäuser sind. Es ist total idyllisch hier und nach dem Duschen sitze ich einfach ein bisschen im Hof unseres Gasthauses und nehme ein Sonnenbad. Hier lerne ich einen sehr netten älteren Japaner kennen, mit dem ich mich ewig lange über Gott und die Welt ( und meine Reisepläne in Japan) unterhalte. So ein fauler Nachmittag hat mit dem richtigen Wetter durchaus seine Vorteile.

Da in unserem Hotel auch der Check Point für die Trekkingpermits ist, ist auch einiges an Durchgangsverkehr vorhanden und langweilig ist mir heute zumindest hier nicht. Im Übrigen glaube ich das Geheimnis gelüftet zu haben, warum Khel’s Rucksack nur halb so groß ist wie meiner: er trägt jetzt den vierten Tag in Folge das gleiche T-Shirt, die Der Märchenwaldgleiche Trainingshose und Trainingsjacke. Leider riecht man das inzwischen auch, und ich bevorzuge es heute entweder vor ihm oder mehr als 5 Schritte hinter ihm zu laufen. Trotzdem hätte ich vielleicht nicht unbedingt ein frisches T-Shirt pro Wandertag einpacken müssen, zumal man überall seine Sachen auswaschen und aufhängen kann. Wieder etwas gelernt.

Tag 5: Rückkehr nach Pokhara

Wie gewohnt wache ich auf, als es gegen halb sechs Uhr hell wird und wundere mich darüber dass mir nicht kalt ist. Khel klopft kurz darauf an meine Tür um mir zu verkünden, dass es heute very clear ist und ich mir heute wirklich den Sonnenaufgang anschauen muss. Das stimmt, heute sieht man Annapurna South, Himchuli und den heiligen Berg der Nepalesen, den Machhapuchre, sehr deutlich am wolkenlosen Himmel und als sich die Sonne langsam über den Horizont schiebt und den Annapurna South in rotes Licht taucht muss ich ihm Recht geben. Das war ein schöner letzter Morgen im Himalaya. Nach dem Frühstück brechen wir gegen 07.00 Uhr auf und steigen knapp 900 Höhenmeter ab in Richtung Phadi, wo uns ein Taxi abholen wird. Meine Vermutung von gestern bestätigt sich, Khel trägt auch heute wieder das gleiche Outfit wie die letzten Selfie4 Tage.

Es ist hier “unten” auf knapp 2000 m heute schon um halb Acht so warm, dass ich bereue, mein langärmeliges Tshirt angezogen zu haben und als wir gegen 09.30 Uhr in Phadi ankommen, hat es mit Sicherheit schon 27 Grad. Seltsames Gefühl, vor drei Tagen hat es noch geschneit. Wir sind in einer halben Stunde in Pokhara und so habe ich noch fast einen ganzen Tag vor mir. Da ich mein 500-Rupien-Zimmer noch nicht beziehen kann, ziehe ich mich nur schnell um, mache mich kurz frisch und gehe auf einer der unzähligen Lakeside-Sonnenterrassen einen Lassi trinken, meine mails checken und ein bisschen Zivilisation tanken. Ansonsten ist für heute nur noch “chillaxen” geplant, wie die Nepalesen sagen. Ich gönne mir noch eine kleine Massage in einem der unzähligen Spas, denn meine Schultern sind doch ganz schön verspannt vom Rucksacktragen, sitze am See, mache noch ein paar Fotos und ein paar Souvenir-Einkäufe und verbummele so den ganzen faulen Tag. Abends sitze ich nach einer entspannten warmen Dusche auf dem Balkon meines Hotelzimmers und genieße nach der Ruhe der Berge jetzt auch wieder den Trubel der Stadt – und eine Flasche bestes 60- Rupien Himalaya-Wasser 😉

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